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Die Zeit begann und mit ihr die Unendlichkeit der Ewigkeit

Beschreibung

Geschichten aus dem Universum vom Beginn bis zum Ende seiner Zeit.

Vorwort

Ansprache

Hallo alle zusammen,
wer meine vorhergehende Geschichte „TIME (Die Zeit beginnt …)“ gelesen hat, dem ist möglicherweise aufgefallen, dass dort im Kapitel „Verschiedenes“ Namen und Handlungen erwähnt werden, die sonst nirgendwo erzählt werden. Das liegt daran, dass dort nur ein kleiner Teil der gesamten Chronik erzählt wurde.

In der hier vorliegenden Erzählung „Die Zeit begann und mit ihr die Unendlichkeit der Ewigkeit“ wird alles vom Anfang bis zum Ende berichtet.

In den hier schon vorliegenden Kapiteln lernt ihr zuerst Niss und Raan und später auch Menschen auf unserer Erde kennen. Abgeschlossen wird die gesamte Chronik mit Nadanel und Tarsipe im letzten Kapitel. Bis dahin wird aber noch viel Zeit vergehen.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.
Euer Uwe

Prolog

(Der Text basiert auf meinen alten Text vom 28 Januar 1985)

Es war als noch nichts war. Bis auf die Materie, die sich unter großem Druck und großer Dichte im Nichts aufhielt. Als jedoch Druck und Hitze zu groß wurden, zerbarst die Masse und verteilt sich im entstehenden Universum.

Die Zeit begann und mit ihr die Unendlichkeit der Ewigkeit. Es bildeten sich Sonnensysteme, die von ihren Sonnen umkreist wurden. Planeten, die im Mittelpunkt ihrer Monde standen. Auf einigen Planeten entstanden im Laufe von tausenden und Millionen Jahren geringe Vegetationen und Einzeller. Auf anderen eine ausgeprägte Fauna und Flora. Und auf einigen hatte sich eine niedrige oder sogar eine hohe Intelligenz entwickelt.

Viele Völker lebten auf ihren Planeten und erfuhren nie, wie das Weltall aufgebaut ist. Andere lernten die Raumfahrt kennen, bauten Raumschiffe und expandierten in die Umgebung ihres Sonnensystems.

Die Zeit verging und hinterließ ihre Spuren im Universum

Medavena

Niss

Finsternis. „… piep, … piep, … piep.“ Dann wieder Stille. Es ist immer noch dunkel. Dann wieder dieses leise Piepen aus der Ferne: „… piep, … piep, … piep.“ Es kommt näher und wird lauter: „…piep, … piep, … piep.“ Mittlerweile scheint es nah und laut genug zu sein, dass Niss wach wird.

 

Sie öffnet langsam ihre Augen. Die erste Sonne schickt ihre Strahlen durch die Bäume des umgebenden Waldes hindurch zu der getönten Glaskuppel auf dem Hausdach. „So finster ist es gar nicht mehr.“, kommt es flüsternd aus ihrem Mund. Es ist jedoch niemand im Raum, der es hören kann. Diesmal schafft der Wecker nur noch ein „… piep“, bis Niss ihn mit einem Fingerschnipp ausschaltet. „Heller!“, sagt sie und die Glaskuppel verliert einen Teil ihrer Tönung.

 

Der Raum wird heller. Das kreisrunde Bett, in dem sie liegt, steht inmitten der Kuppel. Am Rande befinden sich einige kleine Kisten, die als Stauraum und Ablage dienen. Gegenüber dem Fußende war der Transporter, mit dem sie in die unteren Stockwerke gelangen konnte. Wenn man überhaupt an einem kreisrunden Bett eine Stelle als Fußende bezeichnen kann.

 

Sie springt freudestrahlend aus dem Bett, schnappt sich ein paar Klamotten die verteilt um das Bett herumliegen und zieht sich schnell an. Mit dem Transporter verlässt sie die Glaskuppel, ihr kleines Reich, welches die Eltern nur mir ihrer Erlaubnis betreten dürfen. So hat sie in zwei Sekunden die untere Etage erreicht.

 

Das Haus ist nicht groß. Es hat nur zwei Stockwerke und die Glaskuppel obendrauf. Die Außenwände des zylinderförmigen Hauses sind mit großflächigen, abgerundeten Glasfronten versehen, dessen Tönung, genauso wie bei der Glaskuppel, verändert werden kann.

 

„Guten Morgen Niss. Du siehst so fröhlich aus. Du scheinst ja gut geschlafen zu haben“, hört sie von ihrer Mutter, die sich immer freut, wenn es der Tochter gut geht. „Ja“, erwidert Niss, „und ich habe heute frei und werde Raan besuchen. Ich habe ihn schon drei Tage nicht mehr gesehen und auch nicht über Telecom erreichen können. Ich werde gleich nach dem Frühstück losgehen.“ „Sei aber vorsichtig. Nehm‘ Dir einen Körperschutz mit. Du weißt, dass bald die zweite Sonne aufgeht und dass ihre Strahlen mittlerweile tödlich sein können.“ „Ja natürlich“, versucht Niss ihre Mutter zu beruhigen, „Ich werde hauptsächlich auf der Waldstraße unterwegs sein. Da bin ich schon durch die Bäume vor den meisten Strahlen geschützt.“

 

Die Waldstraße ist ungefähr zwölf Kilometer lang und verbindet die zwei Städte, in denen Raan und Niss leben. Die Städte selbst befinden sich jeweils vollständig unter einer sechs Kilometer hohen halbkugelförmigen Glaskuppel. Diese sind aus demselben Material, wie die vom Haus, nur wesentlich größer. Sie schützen die Menschen in den Städten vor den aggressiven Sonnenstrahlen, indem sich ihre Tönung der Intensivität der zwei Sonnen anpasst. Zusätzlich sollen die Kuppeln auch die großen Waldvorkommen auf dem Planeten, der sich „Medavena“ nennt, vor der hochtechnisierten Welt der Bewohner schützen.

 

In den letzten Jahren wurden die Glaskuppeln während der hellen Tageszeit immer dunkler. Die Strahlungsintensität der zweiten Sonne hat sich mittlerweile merklich verstärkt. Dass sie immer größer wird, kann inzwischen jeder mit seinen bloßen Augen erkennen. Diese Erkenntnis ist den Wissenschaftlern allerdings schon seit mehreren Jahrzehnten bekannt. Einer der fünf Planeten, der zu dieser Doppelsonne gehört, ist bereits seit neun Jahren unbewohnbar. Das dort lebende Volk ist vollständig auf die in der Nähe schwebenden Großraumschiffe umgesiedelt worden. In absehbarer Zeit werden die Völker aller noch bewohnten Planeten dorthin umsiedeln müssen.

 

Aber noch ist es nicht so weit und Niss sitzt zusammen mit ihrer Mutter beim Frühstück. „Wie lange kennt ihr euch denn mittlerweile schon?“ nimmt die Mutter das Gespräch wieder auf. „Wir haben uns das erste Mal vor sieben Jahren gesehen“, blubbert Niss mit halbvollem Mund, „als er mit seiner Schule eine Exkursion in unsere Stadt machte.“ Jetzt schob sie ihr Frühstück zur Seite und begann mit strahlenden Augen von ihrer ersten Begegnung mit Raan zu erzählen: „Ich war auf den Wochenmarkt in der Innenstadt, um Stoffe für mein Kostümprojekt zu kaufen, als ich ihn beim Mittagessen mit seinen Freunden entdeckt habe. Wobei er immer behauptet, er hätte mich zuerst gesehen.“ Selbstverständlich hat ihre Mutter Nerana diese Geschichte schon mehrere duzend Male gehört, aber sie sieht die leuchtenden Augen ihrer glücklichen Tochter so gerne. „Und dann stand er auf, kam einfach zu mir rüber und sprach mich an. Er sagte, ich hätte ihn angelächelt und zu mir gewinkt. Dabei habe ich nur aus der Ferne nach ihm geschaut.“

 

Sie erzählt noch lange von dem ersten Treffen auf dem Marktplatz und den Wochen danach. So lange, dass sie sich später als geplant auf den Weg macht. „Sei bitte vorsichtig.“ ruft ihre Mutter hinterher, als sie das Haus verlässt. „Und pass auf dich auf.“ Doch das hört Niss nicht mehr.

 

Der Weg vom Haus zum Ausgang am Kuppelrand ist nicht weit. Niss wohnt mit ihren Eltern in einer Siedlung mit vielen kleinen Häusern am östlichen Stadtrand. An einer der Schleusen zur Außenlandschaft angekommen, lässt sie sich registrieren und begibt sich dann auf den Waldweg zur Kuppelstadt in der ihr Freund Raan lebt. Unterwegs schwirren kleine harmlose Insekten um sie herum und Vögel zwitschern hoch oben in den Bäumen. Es ist vieles nicht anders, als wir es auch von unserer heutigen Erde kennen.

 

Es ist wärmer als in der Stadt unter der schützenden Kuppel, aber noch erträglich. Ein transportabler magnetischer Schirm verhindert, dass Niss den starken Sonnenstrahlen direkt ausgesetzt ist. Dem Wald und seinen Tieren schein die erhöhte Strahlung nicht zu schaden. Zumindest kann Niss keinen Unterschied zu den letzten Jahren feststellen. Es kann aber auch daran liegen, dass ihre Gedanken im Moment nur bei Raan sind und sie deshalb die Umgebung nur schemenhaft wahrnimmt.

Der kleine Raan

Auf derselben Waldstraße war vor achtzehn Jahren der kleine Raan mit seinen Eltern in der anderen Richtung unterwegs.

 

„Wann sind wir denn endlich da?“, quengelt Raan, „Ich muss mal. … Ich hab‘ Hunger. … Meine Füße tun weh.“ „Bald“, antwortet der Vater schon leicht genervt. Vielleicht hätte er den Geschäftstermin in der zwölf Kilometer entfernten Nachbarstadt doch nicht mit einem Familienausflug verbinden sollen. Er tat es für seine Frau und seinen Sohn. So oft im Leben verlässt keiner die Kuppel der eigenen Stadt. Er hat sich vorgestellt, dass er seinen Geschäftspartner trifft und während dieser Zeit Raan und seine Mutter auf dem großen über die Stadtgrenzen bekannten Marktplatz schlendern können. Und anschließend würden sie zusammen etwas Essen gehen.

 

Auf dem letzten Kilometer hat Raan nur noch dreimal gequengelt. In der Stadt angekommen, verabschieden er und seine Mutter sich vom Vater und gehen zum großen Marktplatz. Dort angekommen, stürzt sich Raan sofort auf den ersten Stand mit Süßigkeiten. Nachdem er eine Tüte voll mit Naschereien von seiner Mutter erhält, sieht er wieder zufrieden aus.

 

Beide schlendern weiter über den Markt. Bleiben hier und da an Ständen mit bunten Halstüchern und langen Kleidern oder auch Spielsachen oder Techniktricksereien stehen. Die zwei Sonnen stehen fast senkrecht über der Kuppel und werden durch sie soweit gefiltert, dass ein angenehmes Licht ohne gefährliche Strahlung die Stadt erreicht.

 

Plötzlich bleibt Raan stehen. Seine Mutter merkt es nicht gleich und läuft erst mal ohne ihn weiter. Erst als sie ihn etwas fragt, worauf er nicht antwortet, dreht sie sich um und sieht ihn nicht mehr. Sie läuft zurück und entdeckt ihn wie angewurzelt, inmitten der umherlaufenden Menschen, stehen. Er schaut zu einem Obststand, an dem ein kleines Mädchen mit langen ultravioletten Haaren steht und Früchte in ihren Einkaufskorb legt.

 

„Schau mal, Mama, wie schön dieses Mädchen ist.“ sagt er zu seiner Mutter, als diese ganz außer Puste bei ihm ankommt. „Wer, … wo?“ fragt sie. „Da hinten an dem Obststand“, deutet er mit seinem Finger, „das Mädchen mit dem Korb und den lila Haaren.“ Die Mutter entdeckt sie sofort. „Oh ja“, bemerkt sie, „die ist ja wirklich sehr hübsch. So ein dunkles Violett habe ich bei einem Mädchen noch nie gesehen.“ Ganz erstaunt schaut sie ihren kleinen Jungen an. „Aber seit wann interessierst Du dich für Mädchen?“ „Ach“, antwortet er verlegen, „ich interessiere mich doch nicht für Mädchen.“ Er schaut wieder zum Obststand. „Aber dieses Mädchen sieht ganz toll aus.“ „Dann geh doch mal zu ihr rüber“, versucht die Mutter ihn zu beeinflussen, „und sag ihr, wie toll Du sie findest.“ Raan schaut seine Mutter böse an. „Das werde ich ganz bestimmt nicht tun.“ Als sein Blick wieder zu ihr schwenkt, sieht er nur noch, wie sie in seine Richtung lächelt und in der Menschenmenge verschwindet. „Jetzt ist sie weg“, murmelt er und bleibt danach still.

 

Beim gemeinsamen Essen mit den Eltern und auf dem Heimweg hören sie keinen Ton von ihrem Sohn. Es dauert auch einige Tage, bis er wieder am alltäglichen Leben teilnimmt. Aber mit den Jahren verblassen die Erinnerungen an das Mädchen auf dem Markplatz.

Auf dem Markplatz

Es sind mittlerweile elf Jahre vergangen, seit Raan mit seinen Eltern auf dem Marktplatz war. Dieses Jahr unternimmt seine Schule Ausflüge in alle benachbarten Kuppelstädte, um so den Schülern eine erweiterte Zukunftsperspektive zu zeigen. Heute sind sie in der Stadt, in der Niss lebt.

Nachdem alle Schüler am Vormittag zusammen einige Veranstaltungen besuchen mussten, verbringen Raan und seine Freunde die Mittagspause auf dem Marktplatz. „Gib mal her“, „Lass mich mal abbeißen“, „Schau mal, die da drüben“, bekommen einige Einheimische zu hören, die zu nah an der Gruppe vorbeigehen. Die Gruppe von Jungs fällt nicht gerade durch ihr kultiviertes Benehmen auf. Mit vollem Mund grölen sie irgendwelchen gutaussehenden Mädchen hinterher und lassen überall Essensreste und Müll fallen.

Raan schaut zu einem Obststand auf der anderen Seite des Hauptplatzes und sieht dort ein großgewachsenes schlankes Mädchen mit dunklen violetten Haaren. „Das Mädchen da drüben erinnert mich an irgendjemanden“, sagt er zu seinen Kumpels, „ich weiß nur nicht, an wen“. Niss bemerkt die Gruppe von Jungs, sieht zu ihnen rüber und lächelt. „Sag mal, Raan“, stupst ihn einer seiner Freunde an, „Die hat dich doch angelächelt“. „Die hat dich zu sich herüber gewinkt“, bemerkt ein anderer. „Die will, dass Du zu ihr gehst“, „geh schon“, hört er nun von allen Seiten. Ermuntert von allen seinen Freunden, macht er sich auf den Weg und geht zu dem Obststand, an dem Niss steht.

Bei ihr angekommen, bring er etwas leise ein „Hallo“, und „Du hast wunderschöne Haare“, heraus. „Danke“, antwortet sie, „und mehr als meine Haare gefällt dir nicht an mir?“. Raan ist verwirrt. Mit so einer Antwort hat er nicht gerechnet. „Doch, … doch, Du bist sehr hübsch“ stottert er. „Na komm“, geht sie weiterhin sehr forsch vor, „dann lad mich zu einem Getränk ein, dabei können wir ein wenig reden und uns kennenlernen“.

Raan hat zu diesem Zeitpunkt schon seine Freunde auf der anderen Seite vergessen. Er nimmt auch den Marktplatz und die umherlaufenden Besucher nicht mehr wahr. Er sieht nur noch Niss mir ihren langen ultravioletten Haaren.

Sehr lange können sich die zwei nicht unterhalten. Die Mittagspause ist schon zu Ende, als einer seiner Kumpels zu ihm kommt und ihn aus seinem Traum, der in der Wirklichkeit stattfindet, herausreißt: „Komm Raan, wir müssen weiter. Die anderen warten schon auf uns.“ Niss gibt ihm noch schnell ihre Kommunikationsnummer und ermahnt ihn, sich auf jeden Fall zu melden.

Als er zu seinen Schulfreunden kommt, klopfen ihm erstmal einige auf die Schulter oder klatschen Beifall. Das ist ihm aber nicht wichtig. Durch die Aktion, die wie eine kleine Mutprobe begann, hat er ein Mädchen kennengelernt, in die er sich anscheinend Hals über Kopf verliebt hat. Er ist sich nicht sicher, was er gerade fühlt. Es scheint aber, dass sich für ihn ab diesem Zeitpunkt alles verändert hat.

Raan und Niss kommunizieren oft über Telecom und besuchen sich, wann immer sie die Möglichkeit dazu finden, gegenseitig in ihren Heimatstädten. Mittlerweile sind sie schon sieben Jahre ein Paar. Jeder, der die beiden kennt, weiß, dass keine Macht der Welt sie wieder trennen könnte.

Das Ende von Medavena

Und nun, sieben Jahre später, ist Niss wieder auf dem Weg zu ihrem Freund Raan.

Sie wird aus ihren Erinnerungen herausgerissen, als sie, gar nicht so weit von ihr entfernt, ein Krachen hört. Sie schaut instinktiv in die Richtung, aus der der Lärm kommt. Eine entstandene Wolke aus Staub, Dreck und Laub verhindert jedoch ihre Sicht auf die Ursache des Lärms. Im Augenwinkel sieht sie eine Bewegung in der anderen Richtung. Sie dreht sich um und erstarrt bei dem Anblick, der sich ihr bietet: Einer der größeren Bäume gerät ins Wanken. Seine von ihm aus der Verankerung gerissenen Wurzeln schleudern Erde und Gestrüpp in die Höhe. Der fallende Baum reißt weitere kleinere Bäume mit sich. Bevor er den Boden berührt und die entstehende Staubwolke wieder die Sicht versperrt, sieht Niss, dass seine Krone in Flammen steht.

Niss benötigt noch Zeit, um zu verstehen, was hier eigentlich passiert. Weitere der alten teilweise über einen Kilometer großen Bäume stürzen brennend in den Wald, der den gesamten Planeten Medavena umgibt. Das Feuer breitet sich in alle Richtungen aus. Der Boden fängt an zu beben. Neben der noch bewegungslos stehenden Niss entstehen die ersten Risse im Boden. Jetzt versteht sie. Jetzt bewegt sie sich. Erst geht sie langsam vorwärts, dann fängt sie an zu rennen. Sie rennt immer schneller. So schnell, wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt ist. Sie rennt weiter und weiter zur Stadt, in der Raan lebt.

Die Feuer breiten sich im Wald aus. Überall stürzen weitere Bäume in sich zusammen. Kleinere Bäume werden von immer größer werdenden Spalten im Boden verschluckt. Und zwischen dem Chaos rennt die klein wirkende Niss um ihr Leben zu ihren Freund. Ihre Schreie, „Raan, … Raaan, … Raaaan“, verlieren sich völlig im Tumult der Apokalypse.

Plötzlich bleibt sie stehen. Vor ihr hat sich eine Schlucht aufgetan, die sie nicht überqueren kann. Sie sackt in sich zusammen. Sie hat Raan verloren. Jetzt hat ihr Leben keinen Sinn mehr. Mit Tränen in den Augen schaut sie nochmal nach oben. In der Ferne erkennt sie Raans Kuppelstadt. Das Glas der Kuppel ist gebrochen. Die großen Häuser sind eingestürzt. Die Stadt brennt lichterloh.

„Raan“, schluchzt Niss, bevor sie fast ohnmächtig zusammenbricht. Ihr wird immer wärmer. Der transportable magnetische Schirm kann die Hitze nicht mehr vollständig abhalten. Sie hört ein Surren und nimmt ein ungewöhnliches Vibrieren war. Dann verliert sie sich vollständig im Dunkeln des Nichts.

Stelavis 23

Die Rettung

Finsternis. „… piep … piep … piep … piep …“ und es hört nicht auf zu piepen. „Das ist nicht mein Wecker.“ denkt sich Niss und hört dann eine fremde Stimme: „Nerana, kommen Sie her, ihre Tochter wird wach.“

Niss hat ihre Augen noch nicht ganz geöffnet, als sie von den Armen ihre Mutter umschlungen wird. Sie ist noch zu schwach um sich dagegen zu wehren. Dann versucht sie zu sprechen: „Wo bin ich? Was ist passiert? Überall war Feuer und alles ist eingestürzt.“ Ihre Stimme klingt schwach. „Sie sind auf der Krankenstation der Stelavis 23“, antwortet die fremde Stimme, die sie schon gehört hatte.

Die Person der Stimme kommt in ihr Sichtfeld. „Ich bin der Arzt hier auf der Station“, stellt sich der in gelb gekleidete Mann vor. „Wir konnten sie in letzter Minute in Sicherheit bringen. Als ihre Mutter uns sagte, dass sie auf der Waldstraße unterwegs sind, haben sich sofort mehrere Rettungstrupps auf den Weg gemacht. Sie waren schon ohnmächtig, als eine unserer Einheiten sie aus dem Wald bergen konnte. Sie haben sehr viel Glück gehabt.“

Niss und ihre Mutter liegen sich in den Armen und die Tränen der Mutter rinnen über Niss Gesicht. „Ich habe so Angst um Dich gehabt“, schluchzt Nerana. Plötzlich spürt sie, dass sich ihre Tochter verkrampft. „Was ist los mit Dir?“, fragt sie, während sie zurückweicht. „Raan, … was ist mit Raan? …“, entgegnet ihr Niss, „Seine Stadt war zerstört. … Lebt er? … Wo ist er?“. „Ach Niss“, antwortet ihre Mutter, „das soll er dir am besten alles selbst erzählen, wenn er gleich hierherkommt.“ Niss Augen fangen an zu strahlen. Bevor sie die Frage „Wann kommt er?“ beenden kann, entdeckt sie ihn, wie er am Eingang der Station um Einlass bittet. Sie will aufstehen und fällt dabei fast aus ihrem Krankenlager. Sie ist noch zu schwach. Doch Raan kommt mit großen schnellen Schritten auf sie zugelaufen. Die Wiedersehensfreude ist unbeschreiblich.

Nerana steht immer noch mit feuchten Augen in der Krankenstation und ist sich sicher, dass das Schicksal es so will: Ihre Tochter Niss und Raan gehören zusammen. Damit die zwei eine Zeit lang ungestört sein können, verlässt sie die Station. Beim Herausgehen murmelt sie noch: „Eure Kinder und Kindeskinder werden bis zum Ende des Universums leben.“ Niemand sieht, dass ihre Haare in diesem Augenblick leicht ultraviolett schimmern.

Nerana, Niss und Raan werden ab jetzt, mit mehreren tausend weiteren ehemaligen Bewohnern der fünf Planeten, auf Stelavis 23 leben. Es ist eins von fast dreihundert Sternenschiffen, die nun das System der Doppelsonne verlassen.

Unterwegs

Als Medavena durch die zweite Sonne zerstört wurde, entschlossen sich die Wissenschaftler auch die restlichen drei Planeten zu evakuieren und die Reise durch das Universum zu beginnen. Die ehemaligen Bewohner der fünf Planeten sind nun eine Raumfahrernation geworden. Sie nennen sich nun „Voyneys“, welches eine alte Bezeichnung für ein reisendes Volk ist.

Seit sie ihr Heimatsternensystem verlassen haben, sind mittlerweile mehr als zwanzig Jahre vergangen. Unterwegs wurden neue unbewohnte und für sie geeignete Planeten besiedelt. Es wurden Freundschaften zu den Bevölkerungen neu entdeckter bewohnter Planeten aufgebaut. Es gab auch einige kleinere Völker, die sich den Voyneys angeschlossen haben. Aber Planeten, deren Bewohner noch nicht die Technik für interstellare Reisen besaßen, wurden nur beobachtet, damit sie sich so entwickeln würden, wie es vom Universum vorgesehen war.

Raan und Niss leben immer noch auf Stelavis 23. Sie haben mittlerweile zwei Kinder und leben in einem relativ großen Quartier. Raan arbeitet bei einem Wartungstrupp, der sich um die Steuerung des Sternenschiffes kümmert. Er muss fortwährend irgendwo etwas reparieren oder neu einstellen. Er freut sich bei jedem Feierabend seine Frau Niss, ihren gemeinsamen Sohn Gerin und dessen kleine Schwester Anaren zu sehen. Anaren hat die auffällige ultraviolette Haarfarbe ihrer Mutter geerbt. Damit fällt sie nicht nur in der Schule auf, sondern ist, wie auch schon Niss, auf dem gesamten Schiff bekannt. Niss hat den Namen ihrer Tochter als Ananym zum Namen ihrer Mutter Nerana gewählt. Diese hat ein eigenes kleineres Quartier in der Nachbarschaft und arbeitet beim Wissenschaftsteam. Ihre Abteilung scannt die Umgebung des Weltalls, in der sich die Sternenschiffflotte gerade befindet.

Eines Tages fällt Nerana bei der Auswertung der aktuellen Daten ein Objekt in der Nähe der Flotte auf, das ihnen anscheinend folgt. Es scheint eine große schwarze Kugel mit reflektierender Oberfläche zu sein. In seiner näheren Umgebung schein das Weltall zu verschwimmen. Nur daran und an der sehr schwachen Strahlung konnte Nerana das Gebilde erkennen.

Ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern und Technikern nähern sich mit einem Bergungsschiff dem Objekt. An Bord ist auch Raan. Er soll die Sicherstellung der Sonde, oder was immer es auch ist, von der technischen Seite aus betreuen.

„Wir haben keine Möglichkeit die Sonde einzufangen,“ meldet Raan dem Leiter der Mission, „Weder können wir sie in irgendeiner Weise mechanisch greifen, noch können wir magnetisch andocken oder es in ein elektrisches Feld integrieren.“ „Ist denn sichergestellt, dass es sich um eine Sonde handelt?“ fragt ihn der Missionsleiter. „Ja,“ antwortet Rann, „die Scans der Mutter meiner Frau zeigen eindeutig, dass sich kein Leben an Bord befindet.“ „Wenn wir dieses Ding nicht auf unser Sternenschiff bringen können, sollten wir eine Verstärkereinheit in seiner Nähe platzieren, damit wir sie über die Distanz weiter erforschen können,“ erklärt der Vorgesetzte.

Raan baut zusammen mit seinen Kollegen eine eigene Sonde so um, dass sie eine der stärksten zur Verfügung stehenden Verstärkereinheiten enthält und sich frei im Weltall bewegen kann. Nachdem sie die Flugbahn der zusammengefügten Sonde so programmiert haben, dass sie immer in der Nähe des fremden Objektes bleibt und dessen Strahlung stetig in Richtung der Antennen der Stelavis 23 weiterleitet, wird sie so nah wie nur möglich an der unbekannten Sonde platziert.

Nerana hat mittlerweile festgestellt, dass die Strahlung, die sie jetzt viel deutlicher empfangen kann, nicht gleichmäßig ist, sondern offenbar eine Codierung enthält. Eines Tages ruft sie ganz aufgeregt nach ihrem wissenschaftlichen Projektleiter: „Ich habe es geschafft. Ich habe die Codierung entschlüsseln können. Kommen Sie schnell her.“ Alle Wissenschaftler der Station eilen herbei und staunen nicht schlecht über das, was sie dort erwartet.

Sie sehen nicht direkt Bilder oder hören Töne, sondern es ist ein Gefühl, als würde in ihrem Kopf ein Film abgespielt werden. Sie erleben die Geschichten, die anscheinend in dieser Sonde gespeichert sind.

Unter all den Geschichten ist auch eine über die Entstehung des Universums. In ihr wird beschrieben, wie die Materie, die sich unter großem Druck und großer Dichte im Nichts aufhielt zerbarst und sich im Universum verteilte. Mit ihr begann die Unendlichkeit der Ewigkeit. Es bildeten sich Galaxien mit Sonnensystemen, deren Sonnen von Planeten umkreist wurden, die wiederum im Mittelpunkt ihrer Monde standen. Auf einigen Planeten entstand im Laufe von Millionen Jahren geringe Vegetation und Einzeller. Auf anderen eine ausgeprägte Fauna und Flora. Und auf einigen hatte sich eine niedrige oder sogar hohe Intelligenz entwickelt. Viele Völker lebten auf ihren Planeten und erfuhren nie wie das Weltall aufgebaut ist. Andere lernten die Raumfahrt kennen, bauten Raumschiffe und expandierten in die Umgebung ihrer Sonnensysteme. Die Zeit verging und hinterließ ihre Spuren im Universum.

Als sich Nerana an einem freien Tag mit ihrer gesamten Familie zu einem gemeinsamen Essen trifft, erzählt sie von den Erlebnissen mit den Geschichten aus der unbekannten Sonde: „Ich konnte sogar unser Haus auf Medavena sehen. Und wie Raan und Niss sich kennengelernt haben. Wie der Planet zerstört und Niss in letzter Sekunde gerettet wurde. Abgesehen davon, dass es sehr eindrucksvoll war, konnte ich auch die Gefühle der einzelnen Personen spüren.“ „Konntest Du uns auch sehen?“ fragt Anaren ganz aufregend. „Ja,“ antwortete Nerana, „ich konnte deine und auch Gerins Geburt miterleben. Und wie glücklich Niss und Raan darüber waren.“ Niss erinnert sich an all die Ereignisse und fragt ihre Mutter: „Wie ist das denn möglich, dass diese Geschichten alle in dieser kleinen Sonde gespeichert sind?“ Nerana versucht es mit ihren Worten zu erklären: „Unsere Wissenschaftler glauben, dass es nicht nur diese eine Sonde gibt, sondern dass es sehr viele davon in der gesamten Galaxy gibt. Sie müssen auf eine für uns unbekannte Art und Weise miteinander verknüpft sein. Wir haben auch Erlebnisse aus anderen Bereichen sehen können, in denen unser Volk noch nie gewesen ist.“ „Und woher kommen diese Sonden?“ unterbricht sie Raan. „Das weiß keiner. Ich denke auch nicht, dass wir dies jemals erfahren werden.“ erläutert Nerana weiter.

An diesem Tag sitzen sie noch lange zusammen und reden ausgiebig über die geheimnisvolle Sonde. So wie alle auf diesem und den anderen Sternenschiffen, die sich weiterhin durch das Weltall in die Zukunft bewegen.

Maria

Inzwischen sind mehr als fünftausend Jahre vergangen, seit die Flotte der Voyneys die rätselhafte Sonde entdeckt hat. Die Sonde selbst hat die Sternenschiffe schon vor langer Zeit verlassen und führt ihre Mission in anderen Teilen der Galaxy fort. Die Nachfahren von Nerana, Niss, Raan, Anaren und Gerin leben weiterhin auf der Stelavis 23 oder einer der benachbarten Sternenschiffe.

Es ist die Zeit gekommen, in der die Voyneys in der Nähe eines Sonnensystems vorbeifliegen, in dem der dritte Planet von Menschen bevölkert wird. Diese hatten schon die ersten Starts einiger Raketen in die nähere Umgebung ihres Heimatplaneten durchführen können. Von interstellaren Reisen sind sie aber noch weit entfernt. Die Stelavis 23 soll den Planeten näher erkunden, ohne Kontakt zu den Bewohnern aufzunehmen. Das eine weitere der geheimnisvollen Sonden diesen Planeten, der von ihren Bewohnern „Erde“ genannt wird, umkreist, bleibt unbemerkt.

Das Sternenschiff nimmt eine Position auf der erdabgewandten Seite des Mondes ein. Ein kleines Forschungsschiff mit zehn Wissenschaftlern fliegt unbemerkt an den Rand einer der größeren Städte auf dem Planeten. Die Stadt liegt auf dem nördlichen Teil zweier zusammenhängender Kontinente, direkt an einem der großen Ozeane. Beim Anflug entdecken die Wissenschaftler auf der Wasserseite eine übernatürlich große Statue, die in der einen Hand eine Fackel in die Höhe streckt und im anderen Arm ein Buch hält. Die vielen Hochhäuser erinnert sie an die Erzählungen über ihre alten Planeten. Nur das hier die Stadt nicht von einer Kuppel geschützt wird. Der Planet umkreist aber auch nur eine Sonne, die nicht so intensiv strahlt wie die zweite Sonne in ihrem eigenen alten System.

„Hier können wir landen,“ sagt der Leiter der Mission zum Piloten, „es sind keine Menschen in der Umgebung zu sehen.“ Anschließend wendet er sich an die gesamte Crew: „Ich möchte, dass alle ausschwärmen und ihre vorher besprochenen Aufgaben erledigen.“

Die Wissenschaftler nehmen Boden-, Wasser- und Luftproben und sammeln kleinere Gegenstände auf, die anscheinend niemandem gehören. Sie inspizieren alte verlassene und verfallene Holzhütten und können dadurch Rückschlüsse auf die Größe der einheimischen Bevölkerung ziehen. Alte zerfledderte Zeitschriften, die in einer der alten Hütten liegen, geben dann aber Aufschluss darüber, dass die Erdenbewohner sich nur in wenigen Dingen von ihnen selbst unterscheiden. Sie scheinen durchschnittlich kleiner zu sein und die Haut- und Haarfarben variieren von sehr hell bis sehr dunkel.

„Hier ist jemand,“ ruft plötzlich einer der Wissenschaftler den anderen zu, „ein kleines Menschenkind liegt hier verletzt unter einigen Decken.“ Alle rennen herbei und reden durcheinander: „Es ist ein junges Mädchen.“ „Was sollen wir machen?“ „Sie hat uns jetzt gesehen.“ „Wir müssen ihr helfen.“ „Wie alt mag sie wohl sein?“ „Sollen wir sie mit auf unser Schiff nehmen?“ „Wir können sie hier doch nicht verletzt liegen lassen.“ „Wir dürfen aber keinen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung aufnehmen.“

Dann ergreift der Missionsleiter ein wenig lauter das Wort: „Seien Sie jetzt bitte alle mal still!“ Er wendet sich an einen Kollegen, der weiter hinten steht: „Sie kennen sich doch mit intergalaktischen Sprachen gut aus. Können Sie Kontakt zu dem Kind aufnehmen?“ „Ja, ich werde es versuchen,“ erhält er als Antwort.

Der Sprachwissenschaftler nähert sich vorsichtig dem kleinen Mädchen und versucht zuerst durch Gesten und dann mit einfachen Worten zu ihr zu sprechen. Die einheimische Sprache hat er sich schon vor der Landung durch das Abhören der vielen irdischen Radiosender angelernt. Nach einiger Zeit entsteht eine einfache Kommunikation zwischen beiden. „Das Mädchen ist fünf Jahre alt und ihr Name ist Maria,“ berichtet er den anderen, „sie hat keine Eltern und lebt hier alleine. Sie ist gestürzt und hat sich so stark am Bein verletzt, dass sie nicht mehr ohne Unterstützung laufen kann.“ „Dürfen wir ihr helfen?“ fragt der Mediziner der Gruppe. „Ja, sie vertraut uns,“ antwortet der Sprachwissenschaftler mit einem kurzen Blick zu Maria, die mit dem Kopf nickt, so als würde sie verstehen worum es geht.

Marias Wunden werden versorg und der Leiter der Mission nimmt Kontakt zum Sternenschiff auf, um das weitere Vorgehen im Zusammenhang mit dem Menschenkind zu klären. Nach langen Beratungen sind sich alle Verantwortlichen einig. Das kleine Mädchen soll mit auf das Sternenschiff genommen werden. Hier auf der Erde hat sie niemanden, der sie vermissen oder sich um sie kümmern würde.

So betritt der erste Mensch ein Sternenschiff der Voyneys.

Das Erbe von Jen

Fünfzehn Jahre lebt Maria nun auf dem Sternenschiff, das sich immer noch in der Nähe der Erde befindet. Sie spricht fließend die Sprache der Voyneys und auch die ihres Heimatplaneten. Alle Beteiligten waren sich bewusst, dass sie ihre eigene Sprache nicht vernachlässigen durfte. Aufgewachsen ist sie in einer Familie, die eine Tochter im fast gleichen Alter wie Maria hat.

Das Erdenmädchen besuchte mit allen anderen Kindern aus den Nachbarquartieren die gleiche Schule und lernte dort schon vor einigen Jahren ihren Freund Jen kennen. Jen ist deutlich größer als Maria und war schon immer von ihrer exotischen Art fasziniert. Er hat sich schon in jungen Jahren rührend um sie gekümmert und sie in die Gemeinschaft der anderen Kinder integriert. Maria fühlt sich in seiner Nähe immer geborgen und beschützt. So verwundert es niemanden, dass sie an ihrem zwanzigsten Geburtstag mit Jen zusammen in ein eigenes kleineres Quartier zieht.

Als Maria nach zwei weiteren Jahren schwanger wird, ist die Aufregung bei den Wissenschaftlern groß. Es wird das erste gemeinsame Kind zwischen einem Voyney und einem Menschen sein. Die Schwangerschaft bei Maria dauert nicht so lange, wie es normalerweise bei den Menschen üblich ist. Nach sieben Monaten bringt sie ein kleines Mädchen zur Welt.

„Ich möchte sie Sarah nennen,“ sagt sie zu Jen, als sie das kleine Wesen zum ersten Mal in den Armen hält, „der Name erinnert mich an die Erde.“ „Ja natürlich, mein Schatz,“ antwortet er und blickt auf seine strahlende Freundin und die kleine Sarah, die ihn anlächelte. „Schau Dir mal ihre Haarfarbe an,“ bemerkt er weiterhin, „dieses Ultraviolett gab es schon seit fünftausend Jahren nicht mehr in unserem Volk. Die berühmte Anführerin Anaren hatte als letztes diese ultravioletten Haare. Sie hatte damals unsere gesamte Sternenschiffflotte vor einer großen Katastrophe bewahrt.“ „Dann muss sie die Haarfarbe über Dich an Sarah vererbt haben,“ erwidert Maria ein wenig stolz, „Auf der Erde gibt es keine natürlichen Haare mit diesem Aussehen.“ „Ja, so muss es sein,“ bestätigt Jen und setzt sich mit einem unbeschreiblichen Gefühl auf einen Stuhl.

Erde

(Der Text basiert auf meine alten Texte von 1987 und 1988)

Sascha

Einer der letzten Adler kreist über die weiten Felder und verschwindet dann hinter dem großen Waldgebiet, welches sich im östlichen Teil Europas ausbreitet.
Der Wind treibt das bunte Laub der Bäume durch den Park und umweht die Spaziergänger, die an diesem warmen Herbstabend die schöne Landschaft außerhalb der Stadt genießen. „Es kündigt sich wieder ein milder Winter an,“ sagt ein älterer Mann zu seiner Frau, „wie es auch die Meteorologen vorausgesagt haben“. „Ja, einer von vielen in den letzten Jahrzehnten, seitdem sich die Erde erwärmt hat“ antwortet sie ihm.
Nach Einbruch der Dunkelheit sind die Parks und auch die Straßen der Stadt fast menschenleer. Die Familien sitzen zu Hause vor ihren Multimedia-Anlagen, über die sie mit Freunden und Bekannten in der ganzen Welt kommunizieren oder sich mit Filmen und Unterhaltungsshows berieseln lassen.
Nur in einer Wohnung ist das Multimedia-Zimmer dunkel. Der Mann ist bei seiner Frau im Krankenhaus. Sie soll in dieser Nacht ihr erstes Kind bekommen.

Dass es ein gesunder Junge werden würde, wussten die Ärzte schon. Sie konnten nur noch nicht die genaue Stunde der Geburt bestimmen. Um zwei Uhr morgens ist es dann soweit. Ob er nun schreit, weil er sich freut das Licht der Welt zu erblicken oder ob er einfach nur Angst hat, dass weiß keiner. Die Eltern sehen jedenfalls glücklich aus. Er wird sofort gegen alle bekannten Krankheiten geimpft, gegen die es einen Impfstoff gibt und fällt anschließend in seinen ersten Schlaf.
Der milde Winter kommt wie vorausgesagt. An einem schönen Sonntagvormittag wird der kleine Junge in der Kirche auf den Namen Sascha getauft. Die Eltern sind glücklich endlich eine richtige Familie zu sein.
Der kleine Sascha wächst in einer harmonischen Familie auf. „Schau mal hier.“ oder „Sieh dir doch das mal an.“ sagt die Mutter oft zu ihm, wenn sie zusammen zum Einkaufen in die Stadt oder nur einfach spazieren gehen. Er lernt viel von der noch intakten Natur in dieser Gegend kennen.
Saschas Vater ist ein gefragter Techniker, der sich oft mehrere Wochen auf Dienstreisen befindet. Dadurch verdient er so viel Geld, dass sich die Mutter ausschließlich auf ihren gemeinsamen Sohn konzentrieren kann.
Mit drei Jahren kommt Sascha in den Kinderhort. Dort lernt er den Umgang mit anderen Kindern. Es ist wichtig für ihn, denn er beginnt dort jeden zu respektieren, egal welche Abstammung er hat. Und es sind viele Kinder, dessen Eltern Fremdarbeiter sind, die andere Hautfarben haben oder die Sprache, die Sascha spricht noch nicht so beherrschten.
Mit sechs Jahren kommt Sascha in die Schule. Es ist auch die Zeit, in der die kleine Iris geboren wird. Sie wird später für Sascha noch eine größere Rolle spielen. Das liegt für ihn aber noch in ferner Zukunft. Jetzt muss er erst einmal die Schulzeit überwinden. Lesen, Schreiben und Rechnen, sind die ersten wichtigen Fächer in der Schule. Wobei ihm Rechnen am einfachsten fällt, was er wahrscheinlich von seinem Vater geerbt hat. In späteren Jahren kommen dann noch weitere umfangreichere Fächer auf ihn zu. Die Naturwissenschaften interessieren in immer mehr. Sein Vater, der in der Firma eine zentralere Position einnimmt und dadurch nicht mehr so oft auf Dienstreisen ist, kann in dabei gut unterstützen.

„Sascha tritt in deine Fußstapfen“, bemerkt Saschas Mutter eines Abends ihrem Mann gegenüber. „Ja, er kann einmal eine Technikerlaufbahn in meiner Firma einschlagen“, entgegnet er ihr.
So geschieht es dann auch, als Sascha achtzehn wird. In dem Unternehmen kommt er sehr gut zurecht und nach ein paar Jahren ist er schon genauso gefragt wie sein Vater. Er ist aber keiner von denen, die den ganzen Tag lernen und büffeln müssen. Ihm fliegt es mehr oder weniger zu, so dass er in seiner Freizeit viel mit Freunden unternimmt oder auch manchmal allein spazieren geht.

Iris

Auf einem dieser Spaziergänge sieht er die mittlerweile sechzehn Jahre jung Iris. Er ist ihr zwar damals in der Schule schon häufiger begegnet, dort war ihm aber das sechs Jahre jüngere Mädchen nicht aufgefallen. Heute erst sieht er sie mit anderen Augen, wie sie mit ihren Freundinnen auf der Wiese sitzt und über Bücher diskutiert. Ab diesem Tag schlendert er regelmäßig allein an der Wiese vorbei und schaut zu den Mädchen rüber, die sich dort immer treffen.
Eines Tages ist Iris allein auf der Wiese in ein Buch vertieft. Dennoch bemerkt sie Sascha, als er vorbei geht. Sie hat ihn durchaus schon länger beobachtet, aber bei Mädchen ist das im Allgemeinen nicht so auffällig. Sie schaut zu ihm rüber, lächelt und winkt ihn zu sich.
Saschas Herz schlägt so heftig, dass er glaubt, jeder könnte es hören. Bei ihr angekommen übernimmt sie sofort die Initiative: „Hallo Sascha, mal wieder allein unterwegs?“ „Ähm, ja.“ stottert er zurück, „Woher weist Du denn meinen Namen?“ Er merkt eine kleine Schweißperle auf seiner Stirn und hofft, dass sie diese nicht sieht. „Der Bruder einer Freundin kennt einen deiner Freunde“, entgegnet sie ihm ruhig und gelassen und lächelt ihn wieder an. „Setz dich doch zu mir“. „Ja, gerne,“ antwortet er und kniet sich neben ihr auf die Wiese.
Die Zeit nimmt ihren Lauf. Sascha und Iris lernen sich kennen und lieben, beziehen eine gemeinsame Wohnung, heiraten nach einigen Jahren und bekommen einen Sohn, den sie Tay nennen. Es wird eine glückliche Familie, wie sie Sascha auch von seinen Eltern her kennt. Doch nach drei weiteren Jahren tritt eine Veränderung ein.

Sara

Als Sascha nach einer der vereinzelten Dienstreisen nach Hause kommt, hat er ein kleines Mädchen in Tays Alter dabei, um es zu adoptieren. Das löst erstmal eine Krise in der kleinen Familie aus. „Was ist das für ein Kind?“, „Woher kommt es?“, wird er von Iris ausgefragt. „Und warum bringst Du es mit?“, „Wer ist das?“ Sie überschlägt sich und es dauert ein Moment, bis Sascha zu Wort kommt: „Ihr Name ist Sara, sie ist drei Jahre alt und ich darf über ihre Herkunft nichts sagen“. Iris hört ihm weiter kritisch zu: „Sie ist offiziell ein Findelkind“. „Ist es illegal?“ wirft sie ein. „Nein,“ antwortet er, „bitte vertraue mir. Es wird die Zeit kommen, in der ich Dich über die gesamte Geschichte aufklären darf. Aber jetzt ist es erstmal wichtig, dass dieses kleine Mädchen bei uns in Sicherheit aufwächst, ohne dass ihre wahre Herkunft bekannt wird“. Ein kleines Lächeln von Sara, als Iris zu ihr schaut, besänftigt die Situation ein wenig. „Aber warum sind ihre Haare gefärbt?“ frag Iris in einem ruhigeren Ton. „Sie sind nicht gefärbt“, widerspricht ihr Sascha, „das ist ihre natürliche Haarfarbe. Das ist auch eines der Geheimnisse, über die ich nicht reden darf.“
Der kleine Tay ist begeistert von seiner neuen Schwester. Die zwei verbringen eine glückliche Kindheit. In der Schule wird Tay von Sara in allen Fächern weit übertroffen, obwohl er, wie auch sein Vater und Großvater, im mathematischen Bereich einer der schlaueren Schüler ist. Das Geschwisterpaar ist unzertrennlich und es ist sehr selten, dass jemand eins der beiden Kinder allein sieht.
In dem Jahr, in dem beide das zwölfte Lebensjahr erreichen, stirbt ihre Mutter Iris an einer unbekannten Krankheit. Die Ärzte können nur die Schmerzen bekämpfen. Für Tay und Sara ist dies ein unerträglicher Verlust, aber es stärkt die Gemeinschaft der Beiden noch mehr. So leben die zwei zusammen mit dem Vater als eine kleine Familie zusammen; bis in Tays Leben eine neue Veränderung eintritt.

Christine

Eine Flotte von zwanzig Jägern kommt ihm entgegen. Sie teilt sich und nimmt das letzte Raumschiff unter Kreuzfeuer. Sekunden später sausen sie an ihm vorbei, drehen und greifen von neuem an. Ungefähr die Hälfte von ihnen kann er vernichten, doch jetzt ist er dran. Das letzte Raumschiff zerbirst und die Bruchstücke verlieren sich im Weltall. – GAME OVER –.

„Hundertzwanzigtausend Punkte. Noch nicht mal High-Score und es war das letzte Geldstück“, brummelte Tay und steigt aus dem Simulator. Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Das Kaufhaus wird sowieso gleich schließen. Er schlendert zum Aufzug, wo schon ein Mädchen mit ihrem Einkaufskorb steht.
„Hey, das ist doch das schöne blonde Mädchen vom Schwimmbad, das vor zwei Monaten in unsere Straße gezogen ist“, denkt er laut und ist jetzt wieder ganz in die Wirklichkeit zurückgekehrt.
Er hat sie schon öfters im Schwimmbad gesehen und manchmal auch in der Stadt. Wenn ihr langes blondes Haar im Wind weht und ihr Gesicht freigibt, weiß er, dass sie für ihn das schönste Mädchen ist, dass es gibt. Er traute sich bis jetzt nie sie anzusprechen und er kennt niemanden, der mit ihr befreundet ist. So ist es für ihn schwierig an sie heranzukommen. Jetzt steht sie da am Fahrstuhl, auf den er gerade zugeht. In seinem Magen fängt es an zu kribbeln und sein Herz schlägt schneller. „Hallo“, sagt er verlegen, als er bei ihr ankommt und weiß nicht, ob er nun rot oder bleich im Gesicht wird.
„Hallo“, sagt sie und lächelt ihn freundlich an. „Bist du nicht letztens in unsere Straße gezogen?“ fängt Tay an, um seine Nervosität zu überspielen. „Wir sind letztens in die sechsunddreißigste Straße gezogen. Wenn das die Straße ist, in der Du auch wohnst, dann ja“, antwortete sie. „Ja, da wohne ich auch“ erwidert Tay erfreut. Jetzt merkt er auch erst, dass die Störanzeige am Aufzug leuchtet. „Der Aufzug ist ja kaputt“, sagt er dann zu ihr, „da müssen wir wohl die Treppen runterlaufen“. „Ach ja, das habe ich gar nicht gemerkt“, lächelt sie ihm entgegen und Tay schmilzt dahin.
Im Treppenhaus kommen sie dann weiter ins Gespräch. „Wie heißt Du eigentlich?“ fragt Tay. „Ich heiße Christine, und Du?“ „Ich heiße Tay, Tay Sellin“. Sie sind erst im dritten Stock. „Ich habe dich öfters im Schwimmbad und auf der Straße gesehen“, fährt Tay fort, „ich habe Dich dort schon oft ansprechen wollen, mich aber nicht getraut“. Nach einer kurzen stillen Pause, in der sich die zwei ein wenig verlegen anschauen, beginnt Tay wieder: "Da wir in derselben Straße wohnen, können wir ja mal was zusammen unternehmen? Wir könnten zusammen einen Einkaufsbummel machen, oder uns einfach mal so treffen?“ „Ja, warum eigentlich nicht“, erwidert Christine mit einem bezaubernden Lächeln und die Sonnenstrahlen, die durch die Eingangstür hereinkommen, spielen mit ihrem langen blonden Haar. Tay fühlt sich wie im siebten Himmel. Er öffnet ihr die Tür. „Du fährst doch bei mir mit, oder? Wir haben ja den gleichen Weg.“ Sie nickt dankend und ist froh, nicht wieder in der überfüllten U-Bahn sitzen zu müssen. Als sie auf dem Parkplatz bei einem großen Kombi ankommen und Tay die Tür auf der Beifahrerseite öffnet, fragt Christine erstaunt: „Ist das dein Wagen?“ „Nein, der gehört meinem Vater. Ich kann mir noch kein Auto leisten“. Er lässt sie einsteigen, steigt dann selbst ein und fährt los.
Der Verkehr ist nicht so dicht wie sonst und sie kommen schnell vorwärts. Unterwegs sprechen sie nichts. Erst als sie in ihrer Straße einbiegen nimmt Tay das Gespräch wieder auf: „Es scheint als würde es morgen schönes Wetter geben.“ Er zeigt auf den wolkenlosen Himmel. „Soll ich dich morgen zum Schwimmbad abholen?“ „Ja, das wäre nett,“ antwortet sie, „aber wenn es geht, dann erst um drei Uhr. Ich muss vormittags noch meiner Mutter helfen.“ „Das geht in Ordnung,“ sagt er „Ich hole dich dann kurz nach drei ab.“ Er reicht ihr den Korb raus und wirft ihr einen lächelnden Blick zu. Sie lächelt zurück und winkt zum Abschied. Dann verschwindet sie in der Haustür und Tay fährt ein paar Häuser weiter, bis auch er zuhause ist.
Seine Schwester Sara sieht ihn schon vom Fenster aus und bemerkt seinen fröhlichen Gesichtsausdruck, mit dem er aus dem Auto steigt und zum Haus kommt. Sie öffnet ihm und fragt gleich nach dem ungewöhnlichen Benehmen: „Was ist denn mit Dir los? Hast Du in einer Lotterie gewonnen?“ „Nein“, antwortet Tay und erzählt ihr die ganze Geschichte. Sara, die weiß, dass er sich in dieses blonde Mädchen verliebt hat, freut sich mit ihm und wünscht ihm viel Glück.

Freundschaften

In der Nacht kann er kaum schlafen. Am nächsten Morgen ist er nervös und übermüdet. Beim Frühstück, nachdem Tay den Tee verschüttet hat, fragte der Vater: „Was los mit Dir, Tay? Du bist so nervös.“ „Ich gehe heute Nachmittag mit Christine ins Schwimmbad.“ „Ist das das blonde Mädchen aus unserer Straße?“ „Ja, ja.“ erwiderte Tay und Sara mischte sich ein: „Kann ich mitkommen? Bis dahin habe ich meine Arbeit fertig.“ „Na sicher kannst Du mitkommen. Dann lernst Du sie wenigstens auch kennen. Sie ist wirklich ganz nett“ versicherte Tay.

Nach dem Mittagessen holten Tay und Sara Christine ab. Ihre kleine Schwester Sandra kam auch mit. Es war ein Fußweg von ungefähr fünfzehn Minuten. Tay war jetzt wieder ein wenig ruhiger als gestern. Er konnte nicht so aus sich herauskommen, wenn seine Schwester dabei ist.

Im Schwimmbad suchten sie sich einen schönen Rasenplatz und ließen sich dort nieder. Tay und die kleine Sandra wollten ins Wasser, um sich abzukühlen. Christine und Sara jedoch noch nicht. „Nein, wir bleiben hier.“ sagte Sara „Wir führen mal ein Gespräch so von Mädchen zu Mädchen.“ Tay grinste und verschwand mit Sandra im Gewühl der Jugendlichen. „Erzähl doch mal etwas von euch“ fing Sara an „wie alt seid ihr denn und wo kommt ihr her?" „Sandra ist fünfzehn und ich bin siebzehn“ antwortete Christine und erzählte dann weiter: „Wir lebten weiter im Westen und hatten dort ein kleines Häuschen am Rand einer kleinen Stadt. Es war eine schöne Zeit, aber vor einem halben Jahr ist mein Vater an Krebs gestorben.“ Man merkte, dass ihre Augen feucht wurden. „Wir mussten dann aus dem Haus ausziehen, weil meine Mutter es allein nicht mehr bezahlen konnte.“ „Das tut mir leid.“ versuchte Sara Christine zu trösten. „Ich weiß, wie schlimm das ist. Unsere Mutter ist vor sieben Jahren gestorben und ich werde die Zeit mit ihr nie vergessen“ Nach einer stillen Pause in der Sara einen Wasserball, der auf ihrer Decke landete, zurückwarf, erzählte Christine weiter: „Sandra verschlechterte sich in der Schule so stark, dass sie eine Klasse wiederholen musste. Unsere Freundschaften haben wir durch den Umzug auch verloren. Ihr seid die ersten, die wir hier kennenlernen.“ „Wir werden bestimmt gute Freunde werden“ warf Sara ein und umarmte Christine. „Wie man sieht, verstehen sich Tay und Sandra auch ganz gut.“ Sie schauten rüber zum Swimmingpool und sahen, wie die beiden sich im Wasser austobten. „Wie alt seid ihr eigentlich?“ fragte Christine „Wir sind beide Neunzehn.“ „Dann seid ihr ja Zwillinge.“ „Nein, ich bin nur seine Adoptivschwester und ein halbes Jahr älter als er. Das erzähl ich Dir aber ein anderes Mal, denn unsere Wasserratten kommen zurück.“

„Na, ihr Tratschtanten. Was habt ihr denn euch so alles erzählt?“ rief Tay, als er gefolgt von Sandra angerannt kam und die beiden nassspritzte. „Sei nicht so neugierig Tay“ entgegnete Sara und schlug mit dem Handtuch auf ihn ein. Sie tobten sich aus, gingen nochmal alle vier ins Wasser und ließen sich anschließend von der Sonne bräunen.

Es war ein schöner Nachmittag. Einer von vielen die noch folgen würden.

Besonders Sara und Christine freundeten sich an. Tay wurde eifersüchtig auf seine Schwester, weil sie öfters Zeit mit Christine verbachte als er. „Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein“ sagte Sara, als sie eines Abends mit Tay gemütlich zusammensaß. „Es wäre sowieso nicht so gut, wenn ihr euch so oft sehen würdet.“ „Aber du weißt doch, dass ich sie sehr gerne habe und mit ihr zusammen sein möchte.“ warf Tay traurig ein. „Ja, das weiß ich. Du musst ihr aber Zeit lassen. Sie muss noch andere Leute kennenlernen, bevor sie sich für Dich entscheiden kann.“ „Und wenn ich sie verliere?“ „Du verlierst sie nicht. Wenn Du sie wirklich so gerne hast, dann musst Du dir Zeit lassen und darfst sie nicht aufgeben.“ Als er abends im Bett lag, dachte er noch viel nach, bevor er einschlief. Er wusste, dass seine Schwester recht hatte. Es würde aber für ihn schwierig werden sich immer richtig zu verhalten.

Der Sommer ging vorbei. Christine und Sandra gingen wieder in die Schule. Für Christine war es das letzte Schuljahr. Sie hatte schon eine Lehrstelle fürs nächste Jahr bei einer Bürofirma in Aussicht. Sandra hatte noch drei Jahre Schule vor sich. Tay und Sara kamen nun beide in das dritte Lehrjahr. Tay als Computerfachmann in der Firma, in der auch sein Vater war. Und Sara als Biologie- und Genforschungs-Assistentin in einer anderen großen Firma. Sie hatten nun zwar alle vier weniger Zeit, aber sie unternahmen dennoch häufig am Abend oder am Wochenende etwas zusammen. Es geschah immer noch nicht, dass Tay und Christine sich allein trafen, aber er war jetzt öfters dabei, wenn sich Sara mit ihr traf.

Als Sara eines Tages wieder bei Christine war, sprachen sie auch über Tay: „Doch, ich mag ihn auch sehr, aber ich möchte es ihm noch nicht so zeigen. Du weißt doch, wie das ist?“ gestand Christine. Sie saßen auf dem Boden bei Kerzenlicht und tranken Tee. „Da fällt mir ein“, begann Sara wieder „Es ist jetzt an der Zeit, dir meine ganze Lebensgeschichte zu erzählen: Durch meine Abstammung habe ich ein sehr feines Gespür dafür, wer mein Freund ist und wer nicht. Und bei Dir weiß ich, dass Du meine beste Freundin bist, und dass wir noch viel zusammen erleben werden“ Christine war gerührt und brachte nur ein „Danke“ heraus. Sie tranken beide noch ein Schluck Tee und Sara begann mit ihrer Geschichte.

Saras Geschichte

„Meine Mutter Maria wurde auf der Erde geboren und als Kind ausgesetzt. Als sie fünf Jahre alt war, wurde sie von Außerirdischen gefunden und mitgenommen. Als Erwachsene bekam sie mit ihrem außerirdischen Freund Jen ein Kind.“ Sara nahm einen Schluck Tee. „Und das bin ich.“

Sara machte eine Pause. Christine saß ihr regungslos gegenüber und ihr Tee wurde langsam kalt. Ihre langen blonden Haare, die bis zum Po reichten, schimmerten im Kerzenlicht. „Deshalb deine ungewöhnlich Haarfarbe“, kam ganz leise aus ihrem Mund, „Erzähl weiter“.

„Bei einem Unfall auf dem Raumschiff kam meine Mutter ums Leben. Ich war drei Jahre alt und sie waren der Meinung, dass ich auf der Erde aufwachsen soll. Da sie mittlerweile Kontakt zu Tays Vater Sascha hatten, vertrauten sie mich ihm an. Und so wurde ich Tays Schwester.“

„Und daran erinnerst Du dich noch?“ erwiderte Christine. „Kaum, ich habe nur eine ganz wage Vorstellung vom Leben auf dem Raumschiff,“ erwiderte Sara. „Mein Vater, also Sascha, hat mir dies alles erzählt. Anscheinend haben die Außerirdischen damit einen längeren Plan verfolgt, den wir aber nicht kennen.“

Christine trank ihren mittlerweile kalt gewordenen Tee aus: „Danke für dein Vertrauen. Ich denke, dass ich auch Tay gegenüber meine Gefühle offener zeigen sollte. Ich weiß nicht, ob Du verstehen kannst, wie wichtig mir eure Freundschaft und wie wichtig mir Tay ist.“ „Doch, das weiß ich“ erwiderte Sara und ihre ultravioletten Haare leuchtenten leicht.

Aufbruch

(Der Text basiert auf meine alten Texte von 1984 und 1986)

Der Auftrag

Es regnete und Tay suchte auf dem Dachboden nach einem kleinen Kästchen, die sein Vater Sascha für ihn dort versteckt hatte.

Sein Vater starb heute früh, nachdem sein linker Arm und sein linkes Bein vor zwei Tagen von einer Granate zerfetzt wurden. Bevor er seine Augen für immer schloss, gab er Tay den Auftrag, den Inhalt des Kästchen an sich zu nehmen und auszuführen, was in dem schwarzen Buch stand.

Jetzt suchte Tay in dem Trümmerhaufen auf dem Dachboden nach diesem Kästchen. Er hörte die Panzer, die durch seine Straßen zur Front fuhren. Währenddessen trommelte der Regen auf das Dach und floss durch das Einschlagsloch der Granate herein. Er achtete nicht auf den Luftalarm, denn er hatte keine Angst.

„Hast du es gefunden?“ rief seine Schwester Sara als sie die Holzleiter zum Dachboden hoch gestiegen kam. „Nein, noch nicht“ antwortete er „aber sie muss hier in der Truhe sein.“

Sara stand jetzt im fahlen Schein der Lampe. „Ich habe alles Nötige zusammengepackt und im Auto verstaut.“ Ihre alten Jeans und Turnschuhe verrieten, dass sie eins von den Mädchen war, die es auch mal mit einem Jungen aufnehmen könnte. Trotzdem sah man einige Tränen aus ihren dunklen Augen über die Wangen laufen. „Ich habe Vater in die hintere Ecke vom Keller gelegt und ihn unter ein paar Decken begraben. Zu mehr haben wir keine Zeit mehr.“ Sie legte ihre Hände auf ihr Gesicht und das Schluchzen hörte man wegen der Einschläge der Granaten nicht.

Als die Bomber und ihre detonierenden Bomben näherkamen, fand Tay das kleine Kästchen. Er öffnete es, fand das schwarze Buch und ein kleines glänzendes Metallding, welches eine flache zylindrische Form mit einem Punkt in der Mitte und eine runde Öffnung an der Seite hatte.

Er setzte sich hin schlug das Buch auf und las was dort geschrieben stand. Auf der ersten Seite wahren Zeichen, die er noch nie gesehen hatte. Ab der zweiten Seite war dann alles in der Handschrift seines Vaters geschrieben: „Das, was ich dir schreibe wurde mir von dem Raumfahrervolk diktiert, bei denen Saras Mutter Maria aufgewachsen ist und die zum Teil Saras Vorfahren sind.“

Tay machte eine kurze Pause und schaute zu Sara. Er kannte ihre wahre Herkunft.

„Wenn die Zeit gekommen ist,“ las er weiter „erhältst Du den Auftrag mit allen deinen Freunden in eurem Alter oder jünger die menschliche Rasse zu erhalten. Zu diesem Zweck hat dieses Volk, welche sich „Voyneys“ nennen, was so viel wie „Reisende“ bedeutet, ein Raumschiff in einer unterirdischen Station versteckt. Der Eingang wird auf einer beigefügten Landkarte unserer Gegend beschrieben. Mit dem Öffner, der auch in dem Kästchen ist, kommt ihr hinein. In der Station erhältst Du weitere Instruktionen und Erklärungen wie das Raumschiff zu bedienen ist. Ich hoffe du wirst es schaffen, denn die Menschheit liegt in euren Händen.“

Tay legte das schwarze Buch und das glänzendes Metallding wieder in das Kästchen, nahm dieses und verließ den Dachboden.

„Wir müssen uns beeilen“ rief Sara, die aus ihrer Trauer erwachte. „Die Einschläge sind schon sehr nah und wir müssen noch Christine und Sandra abholen. Oder willst du ohne sie fahren?“ „Nein, ich würde diese Stadt nie ohne Christine verlassen.“ „Ja, das weiß ich“ erwiderte Sara mit einem leichten Lächeln und folgte ihm. „Schnell!“ rief Tay, als das Haus auf der gegenüberliegenden Seite der Straße zusammenbrach.

Sie verließen das Haus, in dem ihr toter Vater lag. Christine und Sandra, die ihre Eltern schon vor zwei Wochen verloren hatten, kamen ihnen entgegengelaufen. Während der Fahrt erzählte er ihnen die ganze Geschichte. Christine wusste von Saras Herkunft. Für Sandra war das alles neu. Nun waren sie unterwegs, um ihre gemeinsamen Freunde zu suchen.

Flucht aus der Stadt

Als sie durch die zerstörten Straßen zum großen Bunker kamen, trafen sie Joy mit Freundin Kendra und seiner kleine Schwester Danka, auf die er immer aufpassen musste. Joy und Kendra waren ungefähr im Alter von Tay und Christine und waren äußerlich so unterschiedlich, dass niemand sie als Paar einschätzen würde. Joy hatte lange schwarze leicht gewellte Haare, trug eine ausgefranzte Lederjacke und zerrissenen Jeans. Er war auch derjenige, der viele Liedtexte über diese Zeitepoche schrieb, die noch Jahrhunderte später in den Kolonien bekannt waren. Kendra hingegen mit ihren kurzen pinkgefärbten Haaren trug eine weiße Bluse und einen Rock. Danka war noch deutlich jünger als Sandra und immer sehr aufgedreht. Wer aber dachte, dass sie, obwohl sie ständig herumflippte, sich der Situation nicht bewusst war, der irrte sich gewaltig.

„Wir wollen zum Supermarkt am Stadtrand,“ rief ihnen Tay aus dem Kombi zu, „Hier sind wir nicht sicher. Die gesamte Stadt wird bald zerstört werden.“ „Das wird aber eng in eurem Auto,“ rief Danka zurück. „Trienna sollte bald mit einem kleinen Transporter kommen,“ antwortete Tay. Als hätte sie es gehört, kam die große schlanke junge Frau in dem Moment um die Ecke gefahren. Ihre blonden Haare waren zu einem langen Zopf geflochten. Die Zwillingsbrüder Maron und Ramon, welche kaum zu unterscheiden waren, saßen schon im Fahrzeug. „Joy, Kendra, und Du, kleine Schwester von Joy, steigt ein. Wir habe hier noch viel Platz,“ sagte Ramon, nachdem er die Laderaumtür geöffnet hatte.

Sie alle zusammen fuhren weiter zu dem Treffpunkt auf dem kleinen Parkdeck des Supermarktes. Unterwegs liefen ihnen noch Arto mit Tamara und Mey über den Weg. „Ich will zu Sandra ins Auto,“ sagte Mey, stieg hinten in den Kombi ein und umarmte Sandra herzlich. Arto und Tamara fanden im Transporter Platz. Am Supermarkt angekommen, saßen schon Claressa, Jerina mit ihrem Bruder Kim und Scarlett auf ein paar kaputten Autos. Kurze Zeit später kam noch Hugo mit seinem alten Auto, in dem auch Tyra und Delilah saßen.

Jetzt war die Gruppe komplett. Zwanzig junge Menschen, die dem Exodus entkommen wollten. Als sie alle in einem Kreis zusammensaßen und sich einigermaßen beruhigt hatten, erklärte ihnen Tay die gesamte Geschichte.

Sie kamen zu dem Entschluss, dass sie den Auftrag, der ihnen erteilt wurde, ausführen mussten. Die menschliche Rasse sollte vor der Ausrottung bewahrt werden. Anschließend berieten sie, wie es weiter gehen musste. Sie dürften keinem etwas davon erzählen. Nicht einmal ihren Eltern, wenn sie noch leben würden.

Die wichtigsten Gegenstände hatte im Krieg jeder bei sich. Keiner wusste, ob seine Unterkunft am nächsten Morgen noch stehen würde. So machten sie sich direkt auf den Weg zu der unterirdischen Station, die auf der Landkarte im schwarzen Buch eingezeichnet war. Der Weg war nicht immer einfach. Viele Straßen waren so verschüttet, dass sie umkehren mussten und dann erst mit größeren Umwegen zum Rand der Stadt kamen.

Jetzt hatten sie noch ungefähr 8 km bis sie zu einem kleinen Wäldchen vor sich, in dem ein größerer Felsen stand. Nach 100 Meter war das erste Hindernis eine Stacheldrahtsperre. Hier riss sich fast jeder etwas auf. Jerina erwischte es besonders schlimm. Sie stürzte beim Überklettern und zog sich eine 30 cm lange tiefe Risswunde an der rechten Seite zu. Obwohl sie stark blutete, konnte sie von Kim gestützt weitergehen.

Nach einer Stunde mussten sie ein Minenfeld durchqueren. Dafür nahmen sie größere Steine, die sie in die Richtung warfen in die sie gehen wollten. Als eine Mine nur vier Meter von Danka entfernt explodierte, zerschmetterte ein Splitter ihr linkes Schienbein und ein weiterer drang in ihren Bauch ein. Sie wurde ohnmächtig und war überall mit Blut überströmt. Zunächst glaubte jeder, sie sei tot. Als sie jedoch merkten, dass sie noch leicht atmete, trug sie ihr Bruder Joy mit Tränen in den Augen weiter. Kendra versuchte ihn zu trösten, fing aber selbst an zu weinen, weil die kleine Schwester ihres Freundes für sie schon wie eine eigene geworden war.

Nach einer weiteren Stunden erreichten sie das Wäldchen. Es fing wieder leicht an zu regnen und der Himmel wurde dunkler. Tay trug Danka auf seinen Armen, weil Joy unter ihrer Last zusammengebrochen war. Er legte sie am Waldrand ab und machte sich mit Christine, Hugo, Tyra und Delilah auf den Weg. Sie versuchten den versteckten Eingang in dem Felsen zu finden. Die restlichen blieben am Waldrand zurück, um sich ein wenig auszuruhen. Jerina hatte auch sehr viel Blut verloren und wurde zum Schluss von Claressa und Scarlett gestützt. Als sie da geschützt unter den Bäumen saßen, sahen sie, wie eine große Bomberstaffel zur Stadt flog und sie vollständig vernichtete.

Die Sonne drang durch die Wolken und stand tief über der zerstörten Stadt, die von einem Regenbogen eingehüllt war. Tay und die anderen kamen zurück und führten die Gruppe zum Felsen. Dort angekommen, drückte Tay auf den Punkt in der Mitte des glänzendes Metalldings, welches er auf den Felsen gerichtet hatte. Ohne das geringste Geräusch wurde eine ovale Öffnung mit 2 Meter Durchmesser sichtbar. Sie gingen hinein. Danka und Jerina wurden jetzt beide von je zwei Personen getragen. Hinter ihnen schloss sich der Durchgang wieder. Das Sonnenlicht verschwand und der Raum, in dem sie standen, war in hellblaues Licht gehüllt.

Fortsetzung folgt

Anhang

Personen Beziehungen

Medavena
Nerana          Mutter von Niss
Niss               Tochter von Nerana                                  Freundin von Raan
Raan                                                                                Freund von Niss

Stelavis 23
Voyneys        Raumfahrervolk
Gerin             Sohn von Niss und Raan                          Bruder von Anaren
Anaren          Tochter von Niss und Raan                      Schwester von Gerin
Maria             Freundin von Jen                                     Mutter von Sara
Jen                 Freund von Maria                                    Vater von Sara
Sara               Stiefschwester von Tay                           Tochter von Maria und Jen

Erde
Sascha           Vater von Tay                                           Stiefvater von Sara
Iris                 Mutter von Tay                                         Stiefmutter von Sara
Tay                 Sohn von Sascha und Iris                        Freund von Christine
Christine        Schwester von Sandra                             Freundin von Tay
Sandra           Schwester von Christine

Aufbruch
Joy                 Freund von Kendra                                    großer Bruder von Danka
Kendra           Freundin von Joy
Danka                                                                               kleine Schwester von Joy
Trienna         
Maron            Zwillingsbruder von Ramon
Ramon           Zwillingsbruder von Maron
Arto               befreundet mit Tamara und Mey
Tamara          befreundet mit Arto und Mey
Mey                befreundet mit Arto und Tamara
Claressa         befreundet mit Jerina und Scarlett
Jerina             befreundet mit Claressa und Scarlett     Schwester von Kim
Kim                                                                                   Bruder von Jerina
Scarlett          befreundet mit Claressa und Jerina
Hugo              befreundet mit Tyra und Delilah
Tyra               befreundet mit Hugo und Delilah
Delilah           befreundet mit Hugo und Tyra

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© Uwe Heiermann